Und dann flog mir die Motorhaube auf die Scheibe…

Dieses Bild ist am 12.10. 2018 entstanden und wirft viele Fragen auf. Zurecht!

Warum stehe ich mit einer Motorhaube am Münsteraner Bahnhof?

Um diese Frage zu beantworten müssen wir ca ein Jahr zurückreisen.

Vor 3 Monaten habe ich meine Ausbildung bei noventum begonnen. Eines Tages fuhr ich ganz entspannt nach Feierabend nach Hause. Ich fuhr bergab und auf einmal knallt mir die Motorhaube auf die Frontscheibe. Ich bremse und bin geschockt. Wie zur Hölle konnte das passieren?

Ich steige aus und betrachte die Haube. Komplett verbogen. Da ist nichts mehr zu machen. Es muss eine neue her.

Als ich dann zu Hause angekommen bin informiere ich mich darüber welche Kosten auf mich zukommen würden. Eine Motorhaube für meinen Golf zu finden war gar nicht so schwierig, jedoch gab es nicht viele in weiß und die waren sehr teuer und nicht in der Gegend verfügbar.

Am nächsten Tag fuhr ich mit Bus und Bahn zur Arbeit. Sichtlich zur Verwunderung der Anderen. Als ich meiner Ausbilderin dann erklärte welche Kosten auf mich zukommen würden, hat Sie mir einen Schrotthändler aus der Gegend vermittelt. Bei dem sollte ich doch mal anfragen. Ich rief also an.

Als ich anrief habe ich nach der Haube gefragt. Sie hatten tatsächlich eine da samt passendem Verschluss zur Befestigung der Haube. Der Preis war etwa ein Drittel von dem was ich sonst gezahlt hätte. Sichtlich erleichtert legte ich auf.

Nun stand ich allerdings vor einem ganz anderen Problem: Wie bekomme ich die Haube bis nach Lengerich transportiert? Meine Eltern waren beide nicht erreichbar, keiner meiner Freunde hatte einen Kombi, der Azubiflitzer war in Schweden.

Nächste Frage: Wie komme ich überhaupt zum Schrottplatz?

Ich fragte einen Kollegen ob er mich dort absetzen könnte, er willigte freundlicherweise an. Daraufhin rief ich beim Schrottplatz an und fragte ob es irgendwie die Möglichkeit gäbe, dass ich zum nächsten Bahnhof gebracht werden könnte. Einer der Mitarbeiter sicherte mir zu, dass er mich nach Feierabend dort samt Motorhaube ablassen könnte.

Ob der Transport einer Motorhaube mit dem öffentlichen Nahverkehr rechtlich überhaupt legitim ist?… Naja, was solls. In der Not frisst der Teufel fliegen.

Ich war beim Schrottplatz angekommen, wartete auf den Feierabend des Angestellten. Als mich sein Vorgesetzter fragte was ich den mit der Motorhaube am Bahnhof machen würde, ob ich dort wohnen würde entgegenete ich, dass ich bis nach Lengerich damit durchfahren wollte. Er sah mich einfach nur kommentarlos an, ein leichtes Schmunzeln konnte er sich jedoch nicht verkneifen.

Also fuhren wir bis zum Bahnhof, ich wurde abgesetzt, bedankte mich, wartete auf den Zug.

Als der Zug dann kam stieg ich mit der Motorhaube ein, als wenn es das selbstverständlichste auf der Welt wäre. Die Blicke der Durchreisenden zog ich trotzdem auf mich.

Neben mir stand ein Student mit einem Fahrrad, ca in meinem Alter. Als er mich so ansah sagte ich ihm, dass das eine sehr sehr lange Geschichte ist. Er lachte nur und sagte mir, dass er mir glaubt.

Wir unterhielten uns dann darüber was er studiert etc. Irgendwann fragte ich ihn, ob es wohl in Ordnung wäre die Motorhaube mit dem Zug zu transportieren. Er lachte und sagte er wüsste es nicht, würde hier aber aussteigen und gab mir sein Fahrradticket. Wenn jemand fragen sollte, hätte ich ein Fahrradticket erworben.

Ich bedankte mich, er stieg aus.

Weiter gehts nach Münster.

In Münster angekommen waren beim Aussteigen alle Blicke auf mich gerichtet. Ja gut, man dürfte auch nicht alle Tage jemanden mit einer Motorhaube am Bahnhof sehen. Besonders interessant war die Reaktion eines Touristen der wohl zum ersten mal nach Münster kam und gerade ausgestiegen ist (Zitat: “Junge! Was ist schief mit dieser Stadt?! Kaum steigt man aus, schon steht da irgendwer mit ner Motorhaube am Bahnhof!”).

Der Ruf von Münster war damit gerettet. Ich bat einen der Schaulustigen darum ein Foto zu schießen. So entstand das Foto oben.

Mein Zug nach Lengerich kam an und ich betete nicht kontrolliert zu werden, bis ich in Lengerich ankommen würde. Und tatsächlich:

Als die Durchsage für den Ausstieg in Lengerich kam, lief mir eine Schaffnerin entgegen. Sie blieb einfach nur abrupt stehen. Sah mich fassungslos an. Ich schwieg einen Moment. Dann holte ich das Fahrradticket raus und sagte, dass dies zwar kein Fahrrad sei, ich aber ein Fahrradticket habe. Das ganze sei eine sehr lange Geschichte. Sie began zu lachen und sagte es sei alles in Ordnung, solange ich nicht auf die Idee komme das nächste mal einen Flugzeugträger zu transportieren.

In Lengerich angekommen schleppte ich die Motorhaube den Bahnsteg runter. Nach kurzer Zeit merkte ich, dass ich diese gigantische Motorhaube nicht alleine 1.5 km tragen konnte. Also rief ich einen Freund an, ob er mir helfen könne. Er fragte was den sei, ich sagte ich stehe mit einer Motorhaube am Bahnhof und bräuchte jemanden der mir tragen hilft. Er fing nur an zu lachen und fragte ob dies mein ernst sei und kam dann vorbei.

Als er ankam trugen wir die Motorhaube bis zu mir nach Hause, ernteten weitere verwirrte Blicke, haben es aber geschafft: die Motorhaube ist sicher bis nach Hause ohne ein Auto transportiert worden.

Kurz und knapp: Mit Hilfe meiner Ausbilderin, einem Arbeitskollegen, einem freundlichen Schrottplatzmitarbeiter, einem Studenten mit einem Fahrrad und einem meiner Freunde ist mir der Transport der Motorhaube bis zu mir nach Hause gelungen.

Die Motorhaube ist seitdem montiert und auch nicht mehr aufgeflogen.


Mikail Akcocuk